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Julie Schrader. Zeit- und Sittenbild eines wilhelminischen Fräuleins

mit Simone Röbern und Thomas Eicher

Röbern Eicher
Julie Schrader

Julie Schrader (1881-1939), Magd, Hausdame, Vorleserin und Skandalautorin, ist buchstäblich eine Legende. Ihr Großneffe Berndt W. Wessling hat sie und ihre nachgelassenen Texte in zahlreichen Publikationen der 70er und 80er Jahre des letzten Jahrhunderts bekannt gemacht – als Zeit- und Bettgenossin diverser Kulturgrößen, unter ihnen Carl Sternheim, Arno Holz, Paul Lincke und Leo Fall. Die rührend anmutende Naivität der ihr zugeschriebenen Texte in Lebens- und Liebesdingen ist gepaart mit einer Prise Ironie, ihr Optimismus sowie ihre poetische Unbefangenheit und die scheinbare Offenheit ihrer Tagebucheintragungen machen sie zu einem unterhaltsamen Lese- und Hörvergnügen. Ihre Komik liegt irgendwo zwischen sprachlichem Witz und literarischem Unvermögen.

Wessling jedoch wurde – trotz bestem Marketing – als Fälscher entlarvt, seine Großtante kann somit als überwiegend fiktive Autorin gelten. Und doch geht von dieser Gestalt eine ungebrochene Faszination aus, der die Lesung anhand vieler Textbeispiele nachspürt. Dabei entsteht nicht nur das Porträt einer rührend-komischen literarischen Figur, sondern auch das Bild einer Zeit, die von festgefügten Rollenklischees ebenso geprägt ist wie von unterdrückten Wünschen und Begierden. Egal, wem man nun die Urheberschaft der Werke Julie Schraders zuschreibt – sie sind ein reicher Fundus für einen sehr speziellen Blick auf die deutsche Kulturgeschichte zwischen Jahrhundertwende und II. Weltkrieg.

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